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Die Männer von der Venus, die Frauen vom Mars — Dimil Stoilov PlovdivLit

Dimil Stoilov in PlovdivLit

 

Die Männer von der Venus, die Frauen vom Mars  4.75 / 5

Sie erreichten die Berghütte im Dunkeln. Das spontane Fest war auch ohne ihre Mitwirkung bereits in die Gänge gekommen, doch sie hofften die Verspätung wieder wettzumachen. DJ Alex moderierte nicht nur die zweistündige Sendung „Verrückte Rhythmen“ auf Radio „Atlanta“, sondern verdiente sich als Discjockey im „Borledo“ noch etwas dazu, also hatte er Parties praktisch im Blut. Vladis Buchhalterseelchen war seit Tagen ganz zerknittert von den Zahlen, die leise aus den verschiedenen Rechnungen und Bilanzen quollen, und nun suchte er Erlösung im Lärm und intensiven Erlebnissen. Deshalb löste Alex’ Idee, am Wochenende die Stadt zu verlassen, aufrichtige Begeisterung in ihm aus. Die Ehefrauen protestierten nicht lange. Mehr noch: Ihr Enthusiasmus ging so weit, dass sie sogar noch zwei Freundinnen einluden, weswegen die Rucksäcke auf den Schultern der Männer noch schwerer wurden vor lauter Speisen. Und Getränken.

Die ersten fünfzig Gramm davon schluckten die beiden am Busbahnhof der kleinen Stadt, bevor sie in den unansehnlichen Minibus umstiegen, der dazu verdammt war, mühsam über die Hügel zu kriechen, um sie in die Berge zu bringen. Die Zweiten widmeten sie dem Dorf: Nicht seiner Kneipe, die allzu traditionell und gewöhnlich war, sondern dem wahrhaften Start der Wanderung. Für die Dritten öffneten sie eine Flasche aus dem Rucksack. Sie hatten den steilsten Abschnitt erklommen und die halbe Strecke lag nun hinter ihrem Rücken. Die Frauen brandmarkten sie anfangs als Alkoholiker, doch es dämmerte bereits, und so willigten sie ein, einen Schluck für den Mut zu trinken. Nur die kleinere der Freundinnen lehnte ab.

„Von einem Menschen, der nicht trinkt, kann man nichts Gutes erwarten“, versuchte DJ Alex zu scherzen, ohne zu ahnen, wie Recht er später haben würde.

„Jeder hat Prinzipien“, entgegnete die kleinere der Freundinnen und das waren wohl alle Wörter, die sie seit Beginn der Exkursion an einem Stück abgefeuert hatte. Als bettelte sie um den Titel „die Prinzipientreue“.

„Meine sind etwas anders“, sagte Vladi und trank noch eine Verschlusskappe, bevor er sie wieder auf die Flasche schraubte und diese im Rucksack verstaute. Weder er noch Alex hatten alkoholische Gewohnheiten, doch hier hatte sie irgendwie der Hafer gestochen. Sie hatten sich am Stadion kennengelernt, als sie darum um die Wette liefen, wer die meisten Runden drehen würde. Seitdem datiert ihre Freundschaft.

„Hör auf, den großen Zampano zu spielen!“, fuhr ihn seine Frau an.

„Tue ich doch gar nicht. Nimm du jetzt den Rucksack!“

„Danke. Werde ich nicht. Jeder hat Prinzipien.“

Niemand empfand das ausgebrochene Gelächter als persönliche Beleidigung. Sie gingen weiter. Die Dunkelheit war aus den Zweigen der hohen Tannen auf den Pfad hinuntergestiegen. Etwa zehn Minuten von der Berghütte entfernt war die Gefahr greifbar, dass sie sich verliefen, denn sie sahen die Hand vor Augen nicht. Plötzlich wurde es auch kalt. Sie packten warme Kleidung und Taschenlampen aus, und die Männer jammerten wegen ihrer Unbedachtheit und lahmen Reaktionsfähigkeit. Die Schlucke Alkohol in diesem Moment waren ein obligatorischer Heiltrank zum Aufwärmen, und niemand musste noch davon überzeugt werden. Sogar die Prinzipientreue trank. Die restliche Strecke legten sie langsam zurück, wobei sie sich aneinander festhielten, die Blicke an die Lichtkegel der Taschenlampen gekrallt. Das Betreten der Berghütte war wie eine Erleichterung.

Das Fest hatte gerade eben begonnen und im Speiseraum empfing man sie mit unverfälschter Freude. Jeder neu angekommene Gast würde nicht weniger herzlich empfangen. Mündlich tauschten sie Visitenkarten aus, schließlich musste man ja wissen, woher jeder kam. Die vier Frauen hatten noch nicht alle Speisen für das Abendessen aus den Rucksäcken gepackt, da landeten schon die ersten Flaschen zum Kosten auf dem Tisch. Der beleibte Mann, der ihnen am nächsten saß, gemeinsam mit einer Gruppe von etwa zehn Leuten, war aus Sliven; die Teenager im hinteren Teil des Raumes aus Russe; die Lehrerinnen, die sich einbildeten, dass die Kinder im Zeltlager vor der Berghütte wirklich schliefen, aus Haskovo; die lebenslustigen Omas aus Kardschali… Alles unnötige Details. Sie alle liebten die Berge, die gute Stimmung und die Spontaneität. Das war das Wesentliche.

Eine gewaltige „Sony“-Anlage beschallte den Speisesaal mit Kassetten auf professionellem Niveau, registrierte DJ Alex eher für sich.

Auf der improvisierten Tanzfläche bewegte jeder seinen Körper so, wie er es konnte und wollte. Vladi forderte zunächst seine Frau auf, und dann machte er die Runde bei allen in der Gruppe. Mit der größeren Freundin tanzte Alex einen Rock’n’Roll, der alle Anwesenden in Staunen versetzte. Eine regelrechte Explosion. Er wirbelte sie gnadenlos herum, schleuderte sie mal nach links, mal nach rechts. Während er sie mit gemäßigter Grobheit an sich zog und sie schlagartig wegstieß, um sie immer und immer wieder an sich heran zu reißen, bildete sich ein Menschenring um sie herum, der im Takt klatschte.

Sein nächster Tanz erntete erneut Beifall. Er hatte einen riesigen Schal um seinen Kopf gewickelt und erschuf mit Vladi einen Tango mit wahnsinnigen Hüftschwüngen wie von einer Femme fatale. Die Leute lachten herzlich über sie. Vladi erhitzte sich und begann alles auszuziehen, was er am Leib trug.

„Er liebt es, die Physis zu demonstrieren“, erklärte seine Frau kühl ihren Freundinnen und fügte zärtlich hinzu: „Gib dir nicht zu viel Mühe, sonst erkältest du dich.“

„Wer? Ich soll mich erkälten? Blödsinn! Ich könnte einfach so auf eine Bergwanderung gehen.“ Er hatte auch schon das Unterhemd abgestreift und war nun nackt bis zur Hüfte.

„Das sieht nicht übel aus“, meldete sich die größere Freundin, und die anderen beiden Frauen stimmten ihr zu. Seine Frau dachte nicht anders.

„Weißt du, wenn du es zehn Minuten lang so draußen aushältst, dann gebe ich dir Tausend Leva! Machst du mit?“

„Warum sollte ich nicht mitmachen? Du glaubst mir nicht. Wann hast du mir überhaupt mal geglaubt?! Nicht zehn Minuten, sondern eine halbe Stunde werde ich es aushalten, und es wird dich nichts kosten. Ich werde es umsonst tun.“

Heldenhaft erhob sich Vladi aus dem Stuhl, in seiner Entschlossenheit schimmerte etwas Seemännisches. DJ Alex bemerkte es mit Verspätung, denn er hatte derweil auf zwei Miniaturausgaben von Marilyn Monroe gestarrt, die ihre Hüften am entfernteren Rand der Tanzfläche schwangen.

„Ist es das wert? Du kannst es tun, davon bin ich überzeugt! Lass es, bleib lieber hier!“

„Es ist das wert, natürlich ist es das wert!“

Sein Freund näherte sich seinem Ohr:

„Wenn du bleibst, dann mache ich dich mit zwei tollen Miezen bekannt.“

Vladi blieb nicht in seiner Schuld, hob die Hand vor seinen Mund und beugte sich zu ihm:

„Das hindert mich nicht daran, trotzdem rauszugehen. Du kannst uns dann immer noch bekannt machen.“ Und dann verkündete er öffentlich: „Ich gehe.“

Die drei Frauen, mit Ausnahme seiner eigenen, versuchten ihn zurückzuhalten. „Das ist doch dumm!“, sagte Alex’ Frau. Die größere Freundin lockte ihn scherzhaft umschmeichelnd an, doch er schob sie aus seinem Weg.

„Es soll keine Verteidigung von Prinzipien sein?“, meldete sich schließlich auch die Schweigsame.

„Nein“, antwortete DJ Alex an seiner Stelle. „Warte!“ Erst streifte er seinen Pullover über den Kopf, dann knöpfte er sein Hemd auf und zog sein T-Shirt aus, bis auch er mit freiem Oberkörper dastand. „Ich komme mit dir.“

Vladi umarmte seinen Freund an den Schultern, küsste ihn auf den Scheitel, und so gingen sie durch die Tür. Der Himmel war glasig vor Kälte, die Sterne blinzelten, sie schienen größer als vorher, und die Tannenwipfel beugten sich herab, als würden sie Schutz vor dem Wind suchen. Sie waren nicht einmal fünfzehn Schritte gegangen, schon plusterten sie sich auf. Vladi schien das nicht zu bemerken. Er breitete die Arme aus, holte tief Luft, atmete geräuschvoll aus und atmete wieder tief ein.

„Es ist großartig. Was für eine Luft, kristallklar, was für ein Himmel…“

„Spiel nicht den Ikarus“, sagte DJ Alex, weil er seine Haut spürte, runzelig vor Kälte.

„Aber nein, ich fühle mich wohl, verstehst du? Ich will leben“, gestand der Buchhalter ganz leise, als würde er an seiner Aussage zweifeln, und brüllte dann: „Ich will lebe-e-en! Schrei auch du es hinaus. Dann wird es dir noch besser gehen.“

„Wahrscheinlich wird es das“, stimmte sein Freund vermeintlich zu, um das Zittern seiner Hände zu verbergen.

„Wenn meine Frau den Raum betritt, dann ist es so, als würde sie die Atmosphäre mit negativer Elektrizität aufladen, und ich bekomme sofort Kopfschmerzen. Vielleicht ist es Einbildung, aber so wirkt sie auf mich. Ich muss mich befreien, weil es unheilvoll ist. Bisher war ich immer ihrer Meinung. Jetzt nicht mehr! Jetzt bin ich der rebellierende Mensch. Es heißt, dass die Rebellion das menschliche Wesen aufbricht und ihm hilft, sich auszulassen. Ich lasse mich aus. Es gefällt mir, dass du hier bist, dass der Himmel schön ist, dass ich leben will und schreien kann: Ich will leben, und es juckt mich nicht, was jemand sagen wird, dem es nicht gefällt, dass ich nackt bin in der Bergnacht…“

Hätte sich sein Kopf nicht wie von einer Tiefkühltruhe angebissen angefühlt, und hätte er nicht am ganzen Körper zittern müssen, hätte DJ Alex zugeben können, dass dieses „ich will leben“ auch ihn mit Entschlossenheit erfüllte. Er hätte sich daran erinnern können, dass wenn nicht jede Wertvorstellung einen Aufstand nach sich zog, sich dann mit Sicherheit jedes Streben nach Aufstand schweigsam auf einen Wert berief. Außerdem kamen die Männer vom Mars, und die Frauen von der Venus, oder umgekehrt, und in jeder Ehe schlüpft früher oder später ein rebellierender Mensch, der die schönen Erlebnisse begraben oder etwas Neues erschaffen kann. Er hätte seinem Freund auch noch andere „kluge“ Dinge erklären können, doch seine Zähne klapperten aufrichtig, seine Schultern bebten wie bei einem Malariakranken. Er schaffte es nur zu flüstern:

„Ich will auch leben. Lass uns wieder reingehen.“

Zu seiner Verwunderung gehorchte Vladi anstandslos. Noch verwunderlicher war, dass etwas kaum Spürbares vom einen zum anderen übergegangen war, doch DJ Alex brauchte die ganze Nacht, um es zu begreifen. Die vier Frauen empfingen sie fast liebevoll. Eine nach der Anderen reichten sie ihnen eifrig die Kleider. Getränke schenkten sie ihnen auch ein. Damit sie sich aufwärmten.

Die Tänze gingen weiter. Alle sechs tauchten in die Ausgelassenheit körperlicher Bewegungen ein.

„Wie war es draußen, ihr erzählt ja nichts?“, erkundigte sich die Frau von DJ Alex mit einem rätselhaften Lächeln.

„Es war großartig. Ihr glaubt es nicht? Gleich gehen wir noch einmal raus“, antwortete Vladi gelassen, während er fleißig seine Hände hoch über seinem Kopf schwang.

„Das ist die Wahrheit, es war großartig, aber um ehrlich zu sein ziehe ich es vor, die zwei blonden Mädchen in unsere Gruppe einzuladen, als das Erlebnis zu wiederholen“, sagte DJ Alex und drehte sich zweimal um eine imaginäre Achse auf der Tanzfläche.

„Jetzt hör aber auf, als würden vier schöne Frauen nicht ausreichen“, wies ihn Vladis Frau zurecht.

„Außerdem sieht man ihnen von Weitem ihre Einfältigkeit an“, ergänzte die größere Freundin.

„Vier schöne Frauen reichen niemals aus“, sagte DJ Alex mit Nachdruck.

„Diese Dummheit fehlt noch. Das wagst du nicht!“, warnte ihn seine Frau, als er sich mit zielstrebigem Tanzschritt bereits zum anderen Ende der Tanzfläche aufgemacht hatte, wo die zwei Miniaturausgaben von Marilyn Monroe in der Musik badeten.

Es stellte sich heraus, dass sie ihn erwarteten. Und kannten. Aus der Diskothek „Borledo“, natürlich. Er habe es wahrscheinlich vergessen, doch schon mehrmals habe er sie für ihren Tanzstil gelobt. Nun seien sie nicht einsam, denn sie seien im Geiste reich. Sie sagten es lachend. Morgen würden sie ihre Freunde einholen, die schon vorgelaufen seien. Und warum schlossen sie sich nicht den Freunden von DJ Alex an? Gelächter. Ja, sie könnten sich anschließen. Sie studierten nicht. Dieses Jahr seien sie durch die Prüfungen gefallen. Sie arbeiteten. Wo? Gelächter. Unter ihren Blüschen hüpft es unruhig. Zum Beispiel, bei der Post. Was bei der Post? Wieder Gelächter. Das würden sie nicht sagen, weil es überhaupt nicht interessant sei. Wo sie sich einquartiert hätten? Im zweiten Stock, Zimmer 220. Sie seien allein. „Vielleicht komme ich darauf zurück“, gestand DJ Alex laut. Die beiden Mädchen antworteten mit Gelächter, und ihre Körper räkelten sich wollüstig und herausfordernd, genau im Takt der Musik.

Ihm war nicht richtig klar, was ihn dazu trieb, einen Plan auszuhecken: Vladis Aufruf „ich will leben“ oder der erweckte rebellische Mensch, die Drohung „das wagst du nicht“ oder das Lachen des Marilyn Monroe-Pärchens. Er war nicht einmal ganz sicher, dass er einen Plan hatte, und außerdem ließen sich die Ereignisse, die passiert waren, nur schwer rekonstruieren.

„Sie wollen nicht kommen“, sagte DJ Alex, als er zur Gruppe zurückgekehrt war. „Ihr wärt übermäßig schön und würdet sie in euren Schatten stellen.“

Es wurde noch mehr getanzt und noch mehr getrunken. Diejenigen, die den Hauswirt gut kannten, flehten ihn an, etwas zu singen, und er stimmte ein Lied an über einen Gebieter, der auf der Hand seiner Maid eingeschlafen ist, doch ihn nicht zu wecken liegt ihr sehr am Herzen… Nacheinander reihten sich auch weitere Stimmen ein. Die Zeit des Gesangs war gekommen…

Als erstes schlichen sich die Lehrerinnen davon, nach ihnen zogen sich die Gruppe aus Sliven und die doppelte Ausgabe von Marilyn Monroe zurück. Kurze Zeit später folgten ihnen auch die vier Freundinnen, untergebracht in einem separaten Zimmer. Für DJ Alex und Vladi waren Plätze im gemeinschaftlichen Touristenschlafsaal vorgesehen, doch sie hatten es nicht eilig, von der kollektiven Erholungsmöglichkeit Gebrauch zu machen.

Sie klapperten Backgammon mit Einsatz. Bei den ersten zwei Dreiern verlor Vladi jeweils fünftausend Leva und setzte seine „Omega“-Uhr. Irgendwann war der Hauswirt vom Singen müde geworden, und wie er sich mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte, so schlief er auch ein. Fast alle hatten den Speisesaal verlassen, als Vladi auch seine Uhr verspielte. Nach langem Drängen teilte DJ Alex seinem Freund mit, dass die blonden Geschöpfe in Zimmer 320 im dritten Stock untergebracht seien, und dass er nachkommen würde. Wenn er einen Plan hatte, dann war am Anfang die Lüge…

Mit beiden Rucksäcken schleppte sich Alex in das Zimmer der vier Schönheiten. Er schaltete das Licht an, stellte sich in die Mitte zwischen den Betten und verkündete, dass ihm sehr kalt sei, worauf er erst nach links, dann nach rechts taumelte. Zunächst warf er die Decke seiner Frau zurück und versuchte sich neben ihr zusammenzurollen, weil er sich in dieser Reaktion am sichersten war. Sie warf ihn mit einem verächtlichen „Betrunkener Blödian!“ hinaus. Rausgeschmissen wurde er auch von Vladis Frau, obwohl er sie daran erinnerte, dass sie, die Schönheiten, ihm nicht erlaubt hatten, andere Frauen einzuladen. Die große Freundin stieß ihn sanft und eher aus Solidarität weg. Von der Decke der Prinzipientreuen klappte er nur ein Eckchen auf, weil ihr strenger Blick ihn hypnotisiert hatte. Er entfernte sich mit langsamen Schritten und riss demonstrativ das Fenster auf, um aus Verzweiflung zu springen. Offensichtlich war er überzeugend, denn sie kauften ihm die Nummer ab und begannen ihn wieder hereinzuziehen.

„Geh und leg dich hin wie ein normaler Mensch “, sagte die Prinzipientreue, „und spiel dich nicht wie jemand auf, der du nicht bist.“

„Gut“, willigte DJ Alex ein, nachdem er die zwei Rucksäcke zusammengerafft hatte. „Ich gehe dahin, wo man mich mit Sicherheit aufwärmen wird.“

Er war ehrlich, doch niemand schien ihm zu glauben. Nur die größere Freundin kicherte. Zur selben Zeit schlief Vladi schon irgendwo im dritten Stock, der Hauswirt stützte immer noch den Tisch im Speisesaal, und die Schüler im Zeltlager ahnten nicht, dass sich ihr morgiges Frühstück zum ersten Mal verspäten würde, weil der Küchenherd nicht rechtzeitig vorgeheizt sein würde.

„Ich bin nur kurz hergekommen, um mich aufzuwärmen. Ihr werdet mich nicht verjagen, nicht wahr?“, fragte DJ Alex, als er stolpernd die zwei Rucksäcke in das Zimmer der Mädchen trug.

„Leise“, flüsterte das eine, und ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, schlüpfte er unter die Decken zwischen beide, um bald darauf Hände auf sich zu spüren, die wärmten.

Als das Morgenlicht das Fenster erfüllte, öffnete er ängstlich seine Augenlider und blickte auf zwei lächelnde Gesichter mit wuscheligen blonden Haaren.

„Was macht ihr neben mir?“, fragte er möglichst unschuldig.

„Das wirst du uns sagen“, entgegnete die Molligere.

„Ich glaube, jemand sollte mich aufwärmen.“

„Sag nicht, dass du dich an nichts mehr erinnern kannst, das ist so abgedroschen.“

„Ich erinnere mich an nichts. Gibt es denn etwas, woran man sich erinnern sollte? Ihr hattet versprochen, mir am Morgen anzuvertrauen, was ihr bei der Post macht. Ist es so geheim?“

„Es ist streng geheim“, antwortete die Schlankere und beide schüttelten sich vor vertrautem Lachen.

„Und wenn ich euch sehr bitte? Sehr viel?“

„Wir sind sowas wie Telefonistinnen“, verplapperte sich die Molligere und presste ihre Hand vor den Mund.

„Was bedeutet „sowas wie“?“

„Wir arbeiten nicht bei der Post. Wir arbeiten am Telefon und führen spezielle Gespräche.“

Ein Licht ging ihm erst auf, nachdem sie es ihm eins zu eins erklärt hatten, und er ärgerte sich über seine eigene Begriffsstutzigkeit.

„Meiner Meinung nach ist das gar nicht so geheim. Es ist Arbeit. Gut, aber was fragen sie denn? Was müsste ich fragen? Hallo, hallo…“

„Genug von dem Blödsinn“, sagte die rundlichere Marilyn Monroe.

„Ja doch, ich bin nur neugierig… zeigt mir doch nur ein kleines bisschen…“

Schließlich willigte die Schlankere ein. „Hi, was willst du, Süßer? Ich bin Dani und sehr sexy, meine Augen sind blau, meine Haare sind schwarz, ich öffne meinen Morgenmantel, meine Unterwäsche ist aus Seide…“

Dann folgten Beschreibungen, wie sie den einen Träger abstreift, den anderen… wie sich ihr eine starke männliche Hand nähert, und wie ihre Brustwarzen hart werden. Sie fing an leidenschaftlich zu keuchen, dann reihte sich das andere Mädchen ein, und Alex. Es klang ganz echt… So erwischte sie die Prinzipientreue. Sie hatte an die Tür geklopft, doch wer sollte sie schon hören. Sie habe die Rucksäcke gesucht. Der Anblick im Bett weitete ihre Pupillen und sie beeilte sich das Zimmer zu verlassen. Kurz darauf öffnete seine Frau die Tür. Seine Hände lagen immer noch auf den Schultern der Mädchen.

„Was hast du in diesem Zimmer zu suchen?“, fragte DJ Alex sie wütend, damit sie sich schuldig und deplatziert fühlte.

„Ich suche meinen Kulturbeutel. Ich muss meine Zähne putzen!“

„Einmal wirst du dir eben nicht die verdammten Zähne putzen. Mach sofort die Tür zu!“

Seine Frau war tatsächlich verwirrt und knallte bloß mit der Tür. Draußen begannen ihre Freundinnen sie mitfühlend zu trösten, und sie teilte ihnen kategorisch mit, dass sie immer noch keine Absichten habe, sich scheiden zu lassen.

DJ Alex kannte diese bemerkenswerte Aussage nicht, schlüpfte schuldbewusst in seine Hose, verabschiedete sich ohne überflüssige Sentimentalitäten von den Mädchen und schleppte die Rucksäcke aus dem Zimmer. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihn Kopfschmerzen quälten. Es war niemand da, dem er das hätte anvertrauen können. Niemand aus der Gruppe wollte mit ihm reden. Nur einmal kam Vladi näher, um seine „Omega“-Uhr zurückzubekommen, die er im Backgammonspiel gesetzt hatte.

Seine Frau putzte sich dennoch die Zähne, und das genau zu dem Zeitpunkt, als sich zu ihren beiden Seiten die zwei Marilyn Monroes an den benachbarten Waschbecken wuschen. Sie erfrischten sich kultiviert, ohne überflüssige Worte, ohne Haare ausreißen, versuchte DJ Alex sich selbst zu beruhigen. Nach dem Frühstück – ihm bot niemand Essen an – machte sich die Gruppe auf in die Stadt.

Er hatte rasende Kopfschmerzen und niemanden kümmerte es, ob er ein rebellierender Mensch war, ob er leben wollte, oder welcher Art sein Schmerz war. Er schleppte den Rucksack mit Abscheu, stolperte grundlos über die Steine auf dem Pfad und war bemüht, sich wenigstens an eine der gelesenen 101 Methoden zu erinnern, mit denen man in einer Beziehung Punkte bei seiner Frau sammeln konnte. Eine wenigstens fiel ihm ein: Wenn Sie nach Hause kommen, gehen Sie zu Ihrer Frau und umarmen Sie sie, bevor Sie irgendetwas anderes tun. Weil die Frauen vom Mars seien, und die Männer von der Venus, oder umgekehrt.

So oft er auch versuchte, ihr auf dem Weg hinunter näher zu kommen und ihr eine Zusammenfassung der hundert Methoden zu geben, wich sie ihm aus.

Erst, nachdem sie zu Hause angekommen waren, sich gewaschen und umgezogen hatten, fragte er sie ängstlich: „Möchtest du zum Abendessen ins Restaurant gehen?“

„Ja“, sagte sie, und er traute seinen Ohren nicht.

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Aus: Dimil Stoilov “EMPÖREND CHARMANT, RAUBGIERIG SCHÖN”

Erschienen bei: Verlagshaus Hermes, Plovdiv, 1998

„Zaspalo e tschelebijtsche“: Bulgarisches Folklorelied aus den Rhodopen. (A. d. Ü.)




Translated by Dessislava Georgieva

 

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